Am 2. Februar 2021 begann vor dem Bezirksgericht in Hidalgo del Parral, Bundesstaat Chihuahua, der Prozess gegen Feliciano Q. M., der beschuldigt wurde, an den Morden an Victor Carillo Carillo am 5. Februar 2016 und an dessen Vater, Julián Carillo Martínez, einen der Mitarbeiter unserer Partnerorganisation Alianza Sierra Madre, am 24. Oktober 2018 beteiligt gewesen zu sein. Im Laufe des Prozesses präsentierte die Sonderstaatsanwaltschaft für die Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen und Zwangsverschleppungen zahlreiche Zeugen und Zeuginnen aus dem Kreis der Familie Julián Carillos und der indigenen Gemeinde Coloradas de la Virgen, dazu die Aussagen von sechs Polizeibeamten, sechs Experten und zwei Kontextanalytikern. Am 5. März 2021 sprach das Gericht den Angeklagten schuldig; am 12. März verkündete es das Strafmaß: Feliciano Q. M. wurde wegen Doppelmordes zu 48 Jahren Haft verurteilt.

Das Urteil ist in mehrfacher Hinsicht wegweisend. Das Gericht hat eindeutig klargestellt, dass die Morde im Zusammenhang mit Julián Carillos Engagement gegen den Raubbau an den natürlichen Ressourcen der Gemeinde Coloradas de la Virgen stehen – tatsächlich sind sie das Werk der lokalen Mafia, die mit den Unternehmen, die eine Bergbaukonzession in der Region erteilt bekommen haben, unter einer Decke steckt. Das Gericht hat die fortdauernden Menschenrechtsverletzungen gegen die indigene Gemeinde Coloradas de la Virgen offiziell festgestellt. Es hat explizit kritisiert, dass der mexikanische Staat seiner Verpflichtung, Menschenrechtsaktivisten vor Verfolgung zu schützen, in diesem Fall nur unzureichend nachgekommen ist. Es hat schließlich anerkannt, dass es in der Folge des Mordes an dem Führer des indigenen Widerstands zur gewaltsamen Vertreibung mehrerer Familien aus Coloradas de la Virgen gekommen ist.

Das Gericht hat angeordnet, dass die Familien der Opfer und alle Einwohner der Gemeinde Coloradas de la Virgen, die in der Folge der Morde Schäden erlitten haben, zu entschädigen sind. Es hat die Behörden aufgefordert, wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen, um die öffentliche Sicherheit in der Gemeinde wiederherzustellen, die organisierte Kriminalität zurückzudrängen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die vertriebenen Familien in ihre Heimat zurückkehren können.

Ein derart weitreichendes Urteil hat es noch nicht gegeben. Die Alianza Sierra Madre und das Centro de Derechos Humanos de las Mujeres A.C., die die Gemeinde Coloradas de la Virgen in ihrem Kampf unterstützen, hoffen, dass dies zu einem Präzedenzfall für ganz Mexiko wird und die Straflosigkeit der Gewalttaten gegen Indigene endlich ein Ende hat.

Man darf wohl davon ausgehen, dass dieses Urteil auch eine Folge internationalen Drucks ist, der durch die Kampagne von Amnesty International aufgebaut wurde. Wir danken allen Unterstützerinnen und Unterstützern, die bei dieser Kampagne ihre Stimme erhoben haben!

 

11.8.2020. Mexiko hat sich in den letzten Wochen zu einem Hot Spot der Coronapandemie entwickelt. Mittlerweile zählt das Land fast eine halbe Million Infizierte, mehr als 53.000 Mexikanerinnen und Mexikaner sind an oder mit dem Coronavirus gestorben. Wie unsere Partnerorganisation, die Alianza Sierra Madre, berichtet, entfallen knapp 1.000 Todesfälle auf den Bundesstaat Chihuahua - wieviele dieser Toten Indigene sind, ist nicht bekannt. In den indigenen Gemeinden der Sierra Madre Occidental ist das Coronavirus anscheinend noch nicht angekommen. In Choréachi und Coloradas de la Virgen ist es bislang noch nicht zu Infektionen gekommen, Baborigame meldet eine Infektion. Den Frauen der Kooperative MITYTAC und ihren Familien geht es gut.

Die Alianza Sierra Madre hatte ihre Tätigkeit vorübergehend stark einschränken müssen. Inzwischen wurde die Menschenrechtsarbeit vor Ort wieder aufgenommen. Am 11./12. Juli fand in Baborigame in Zusammenarbeit mit einer Umweltschutzorganisation ein Workshop mit Aktivisten und Aktivistiinnen aus der Gemeinde Coloradas de la Virgen statt, bei dem es um die Auswirkungen des Bergbaus ging. Allein für das Gebiet der Gemeinde Coloradas de la Virgen sind zuletzt vier Bergbaukonzessionen erteilt worden. An vielen Orten im Bezirk Guadalupe y Calvo haben Tagebauprojekte begonnen - gegen den Willen der indigenen Bevölkerung. In der nächsten Woche soll ein weiterer Workshop stattfinden, bei dem es um die Organisation der indigenen Gemeinden im Widerstand gegen den Raubbau an den Rohstoffen der Sierra Tarahumara geht. Das Thema ist brandaktuell. In verschiedenen Gemeinden versuchen die Kaziken, lokale Machthaber, die häufig mit den Narcos im Bunde sind, den forstwirtschaftlichen Raubbau an den Wäldern beschleunigt voranzutreiben. Wie in ganz Lateinamerika, so nutzen auch in der Sierra Tarahumara korrupte Politiker, Wirtschaftsunternehmen und mafiöse Netzwerke die aktuelle Situation, in der sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Pandemie richtet, um die indigenen Gemeinden zu entrechten, einzuschüchtern und auszurauben. Die Alianza Sierra Madre unterstützt die indigenen Gemeinden, die sich dagegen zur Wehr setzen. Und wir unterstützen die Alianza - jetzt erst recht!

Dieser Tage erreichte uns die Nachricht, dass in der Gemeinde Choréachi viele Kleinkinder an akuter Unterernährung leiden, fünf Kinder sind in den letzten beiden Monaten gestorben. Unsere Partnerorganisation Alianza Sierra Madre hat sich an die Regierungen Mexikos und des Bundesstaates Chihuahua gewandt, um die Versorgung mit Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und Vitaminpräparaten in der aktuellen Notlage zu organisieren. Um die Ernährungssituation nachhaltig zu verbessern, plant die Alianza zudem ein neues Projekt, um die indigene Bevölkerung in Workshops mit agroökologischen Methoden vertraut zu machen, die den Ertrag der Felder und Gärten steigern sollen. Kórima e.V. wird dieses Projekt finanziell unterstützen.

Kórima e.V. unterstützt den Appell von Amnesty international an den Gouverneur des mexikanischen Bundesstaates Chihuahua. Darin heißt es:


• „Führen Sie bitte umgehend eine umfassende und unparteiische Untersuchung durch, um den Mord an Julián Carillo aufzuklären. Stellen Sie sicher, dass sein Engagement zum Schutz der Menschenrechte als mögliches Tatmotiv bei den Ermittlungen beachtet wird und alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“


• „Bitte ergreifen Sie Maßnahmen, um die Familienangehörigen von Julián Carillo und die Mitarbeiter_innen der sie unterstützenden NGO Alianza Sierra Madre A.C. (ASMAC) zu schützen.“


• Sorgen Sie bitte dafür, dass der Gemeinschaft in Coloradas de la Virgen das Recht auf ihr Territorium garantiert wird, und stellen Sie sicher, dass alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, damit sie ihre Arbeit ohne Angst vor Vergeltungsmaßnahmen fortsetzen können.“

Am 1. Mai 2019 wurden Otilia Martínez Cruz, sechzig Jahre alt, und ihr Sohn Gregorio Chaparro Cruz, zwanzig, in Coloradas de la Virgen ermordet. Otilia war eine Nichte, Gregorio ein Großneffe von Julián Carillo Martinez. Die Morde fanden an dem Tag statt, als Ermittler der Staatsanwaltschaft anreisten, um die Mitglieder der indigenen Gemeinde zu befragen, die bei den Behörden Anzeigen wegen Mordes, Körperverletzung, Bedrohung, Enteignung und Viehdiebstahls gestellt hatten. Gregorio Chaparro war einer der geladenen Zeugen.

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